Siri stottert – Apple verspielt Vertrauen
Ein Versprechen zu viel
Apple liebt die große Bühne – doch dieses Mal wurde sie zum Eigentor. Im Juni 2024 hatte der Konzern mit der neuen KI-Strategie unter dem Label Apple Intelligence die Tech-Welt aufhorchen lassen.
Besonders die Sprachassistentin Siri sollte endlich das werden, was viele Nutzer sich seit Jahren wünschen: intelligenter, persönlicher, kontextbezogener. Doch nun folgt die Ernüchterung.
Das Update verzögert sich – und zwar deutlich. Ausgerechnet Apple muss sich eingestehen, was sonst gerne anderen Branchenriesen vorgeworfen wird: zu früh versprochen, zu spät geliefert.
Gruber spricht Klartext
Die lauteste Kritik kommt nicht von Analysten oder Börsenbriefen – sondern von einem Mann, dessen Worte in Cupertino traditionell Gewicht haben: John Gruber, Betreiber des einflussreichen Blogs Daring Fireball.
Seine Einschätzung ist deutlich: Apple habe seine Glaubwürdigkeit „vergeudet“. Eine Formulierung, die in der Apple-Welt einem Donnerschlag gleichkommt.
Besonders ärgerlich: Die neuen Siri-Funktionen waren nicht nur technisches Beiwerk. Sie waren das Aushängeschild der iPhone-16-Kampagne. Und sie sind – Stand jetzt – nicht mehr als eine Idee. Wer heute ein iPhone 16 kauft, bekommt davon: nichts.
Marketing gegen besseres Wissen
Das Pikante an der Geschichte: Intern wusste man offenbar früh, dass die neuen Siri-Fähigkeiten noch nicht marktreif sind. Dennoch hielt Apple an der großflächigen Bewerbung fest.
Spots zeigten eine Siri, die Termine verknüpft, Mails zusammenfasst, sogar persönliche Kontexte versteht. Es war das Versprechen eines neuen Apple-Zeitalters – nun ist klar: Die Zukunft wurde etwas zu früh angekündigt.
Die Konsequenz: Die Werbevideos sind mittlerweile gelöscht. Apple gab gegenüber Gruber an, die Funktionen kämen „im Laufe des kommenden Jahres“. Was genau das bedeutet, bleibt offen.

Der Jobs-Vergleich
Gruber erinnert in seinem Blogpost an ein legendäres Zitat von Steve Jobs. Als der E-Mail-Dienst MobileMe 2008 floppte, soll Jobs seine Teams gefragt haben: „Was macht MobileMe eigentlich? Warum funktioniert es dann nicht?“ Ein Satz, der in Apples Kultur als Mahnung zirkuliert. Grubers Frage ist nun: Wo bleibt diese Selbstkritik heute?
Tatsächlich bezeichneten Apple-Führungskräfte laut Bloomberg die Verzögerung als „peinlich“ – aber intern, nicht öffentlich. Ob das reicht, um das Image als präziser Perfektionist zu retten, ist fraglich.
Die Börse reagiert prompt
Apples Aktienkurs gab nach der Enthüllung deutlich nach. In der Woche nach dem Eingeständnis fiel der NASDAQ-Wert um über zehn Prozent. Für einen Konzern mit einer Marktkapitalisierung von über zwei Billionen Dollar ist das mehr als nur ein Ausrutscher.
Anleger wurden offensichtlich kalt erwischt. Die Erwartung war: Apple liefert – und zwar sofort. Dass der Konzern nun doch wie andere in der Tech-Welt mit den Tücken komplexer KI-Entwicklung zu kämpfen hat, passt nicht zum Selbstbild des Unternehmens.
Zweifel an der KI-Strategie
Trotz der Kritik gibt es auch andere Stimmen. Wedbush-Analyst Daniel Ives mahnt zur Geduld: „Rom wurde nicht an einem Tag erbaut – und Apples KI-Strategie auch nicht.“
Doch selbst wohlwollende Beobachter fragen sich inzwischen, ob Apple mit der Integration von KI nicht zu spät und zu zögerlich unterwegs ist. Während Konkurrenten wie Google, Microsoft und OpenAI längst mit experimentellen Lösungen auf dem Markt sind, versprach Apple zwar viel – blieb aber den Beweis schuldig.
Das Problem ist nicht die Technik – es ist das Vertrauen
Die technische Verspätung an sich ist kein Skandal. In einer Branche, in der Entwicklungssprünge und Rückschläge zum Alltag gehören, ist ein verschobenes Feature verzeihbar.
Was Apple jedoch gefährlich werden könnte, ist der Vertrauensbruch. Wer Premiumpreise zahlt, erwartet funktionierende Innovation. Wer groß ankündigt, muss liefern.
Apple hat oft mit Understatement geglänzt. Produkte wurden früher gerne präsentiert, wenn sie fertig waren. Dass sich der Konzern nun in die Logik der Vorab-Versprechen verstrickt, ist ein Bruch mit der eigenen DNA – und eine Einladung zur Kritik.
Der Mythos wankt
Apple bleibt ein Schwergewicht. Mit weltweit über zwei Milliarden aktiven Geräten, einer fanatischen Nutzerbasis und prall gefüllten Kassen ist der Konzern auch 2025 alles andere als angeschlagen. Doch das aktuelle Siri-Debakel kratzt an etwas anderem: am Mythos.
Denn Apple war nie nur Hardware. Es war auch ein Gefühl von Sicherheit, Verlässlichkeit, technischer Exzellenz. Genau dieses Gefühl bekommt nun erste Risse. Und die lassen sich nicht so einfach mit einem Software-Update beheben.