Kuba klammert sich an die Brics – und an alte Illusionen
Blackout in Havanna
Kein Strom, kein Netz, kein Licht. Wieder einmal war Kuba für Stunden komplett vom Rest der Welt abgeschnitten. Es war nicht der erste große Stromausfall, aber einer der symbolträchtigsten. Präsident Miguel Díaz-Canel sprach von „Stunden der Ungewissheit“. Tatsächlich sind es Jahre der Ungewissheit – für ein ganzes Land.
Die Bilder aus dunklen Städten zeigen mehr als technische Probleme. Sie zeigen ein System, das stillsteht. Eine Regierung, die an einer Realität festhält, die längst keine mehr ist. Und eine Bevölkerung, die entweder flieht oder resigniert.
Stillstand mit Ansage
Seit 2021 haben laut Schätzungen rund 10 Prozent der Bevölkerung das Land verlassen – überwiegend junge, gut ausgebildete Menschen. Ärzte, Techniker, Lehrer. Wer bleiben muss, lebt mit Rationierung, Inflation, Hoffnungslosigkeit. Die Regierung? Sie reagiert mit Durchhalteparolen – und der Schuldzuweisung an das jahrzehntealte US-Embargo.
Dabei hat selbst Raúl Castro, Bruder des Revolutionsführers Fidel, eingeräumt: Nicht alle Probleme stammen von außen. Das sozialistische Modell ist schlicht nicht mehr tragfähig. Doch Reformen? Fehlanzeige.

Plan B aus dem globalen Süden
Jetzt soll es Brics richten. Die Idee: Kuba als Partner im Staatenbündnis von Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Im besten Fall bringt das Investitionen, Entwicklungskredite und politischen Rückhalt.
Präsident Díaz-Canel nennt die Partnerschaft „eine große Hoffnung für den Süden“. Es klingt wie ein letzter Versuch, Kapital zu beschaffen, ohne Bedingungen akzeptieren zu müssen.
Im linken Lager Lateinamerikas stößt das auf Begeisterung. Besonders Brasiliens Präsident Lula, langjähriger Verbündeter der kubanischen Führung, sieht in Brics die Chance, Kuba aus der Umklammerung der USA zu befreien – und seinem politischen Vermächtnis neue Relevanz zu verleihen.
Zwangsarbeit als Geschäftsmodell
In der Vergangenheit flossen Millionen Dollar über fragwürdige Programme nach Kuba – etwa durch das „Arztexportmodell“, bei dem tausende kubanische Mediziner im Ausland arbeiteten.
Sie mussten den Großteil ihres Gehalts an den Staat abführen. Menschenrechtler sprechen von Zwangsarbeit, bei Auslandseinsätzen fährt Kubas Staatssicherheit oft gleich mit. Die Brics-Partnerschaft könnte dieses System in neuem Gewand wiederbeleben.
Die Brics-eigene Entwicklungsbank mit Sitz in Shanghai wird von Lulas Parteifreundin Dilma Rousseff geleitet. Auch sie gilt als Unterstützerin des kubanischen Modells – trotz aller Berichte über politische Gefangene und Repression. Derzeit sitzen laut der Organisation Prisoners Defenders über 1.100 Menschen in Kuba aus politischen Gründen im Gefängnis.
Geld ohne Reformen?
Was Kuba wirklich braucht, ist mehr als nur frisches Kapital. Die Wirtschaft liegt am Boden. Die Energieversorgung ist lückenhaft, die Industrie fast vollständig kollabiert, die Landwirtschaft produziert nicht einmal genug für den Eigenbedarf.
„Die Probleme sitzen tief“, sagt der Ökonom Mauricio de Miranda, der in Havanna studierte und heute an der Universität Javeriana in Kolumbien lehrt. „Vor allem in der Industrie, in der makroökonomischen Steuerung und der Währungspolitik gibt es gravierende Fehler.“
Ein Brics-Kredit mag kurzfristig helfen – aber ohne strukturelle Reformen wird das Geld im Nichts verpuffen.
Und plötzlich hilft sogar Trump
Ein besonders bizarrer Aspekt: Ausgerechnet Donald Trump leistet derzeit indirekte Schützenhilfe für das Regime in Havanna. Seine Regierung kooperiert bei Abschiebeflügen nach Kuba und diskutiert ein generelles Einreiseverbot für Kubaner. Das könnte den massiven Exodus stoppen – was wiederum der Regierung in Havanna gelegen kommt.
Denn mit jeder Ärztin, jedem Ingenieur, der bleibt, kann das Regime weiter planen. Oder besser: weiter verwalten. Denn geplant wird in Kuba seit Jahren kaum noch etwas – außer dem eigenen Machterhalt.
Eine neue Bühne – mit dem alten Skript
Ob Brics für Kuba eine echte Chance wird oder nur ein weiterer Anker in der Vergangenheit, ist offen. Fest steht: Solange Havanna keine eigenen Reformen wagt, wird sich nichts ändern. Geld allein baut keine Kraftwerke, beseitigt keine Korruption, bringt keine medizinische Versorgung zurück. Und es verhindert keinen nächsten Stromausfall.
Der Anschluss an Brics mag das außenpolitische Vokabular erweitern. Aber solange die Regierung das eigene Land im Würgegriff hält, bleibt es nur ein weiterer Versuch, das Unreformierbare am Leben zu halten – mit chinesischen Yuan, brasilianischer Rückendeckung und viel altem Pathos.